Jun 13 2008
Sehnsucht
Sehnsucht
Ein Schlüssel klapperte im Schloss. Klack. Die schwere Tür aus Eiche öffnete sich langsam und eine feingliedrige Hand tastete an der Wand, bis sie einen Schalter fand. Kaum dass sie ihn berührt hatte, erhellte sich der Raum und Draven ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen.
Gemächlich schritt er den Flur entlang, ließ die Treppe rechts neben sich, kam an einer Kommode vorbei, über der ein Spiegel hing. Neben diesem waren zwei Kerzenleuchter angebracht. Vor dem Spiegel blieb er stehen und betrachtete sein Spiegelbild im sanften Licht der Kerzen als er seinen Schlüssel in die kleine Schale, die auf der Kommode stand, legte.
Eine vorwitzige Strähne strich er sich ohne Hektik aus dem Gesicht und versuchte sie hinter dem rechten Ohr fest zu stecken. Dabei berührten seine Fingerkuppen den kleinen Ohrstecker, der sein Ohrläppchen verzierte. Es war ein kleiner Löwe, bei dem er immer wieder das Gefühl hatte, er würde gleich in wütendes Gebrüll ausbrechen. Seine Jacke hing er auf den ersten Hacken der Garderobe neben der Kommode und ging weiter den Flur entlang, bis er an der Tür an dessen Ende ankam.
“Guten Morgen, Mum”, murmelte er, als er die Küche betrat und gab seiner Mutter, die an dem kleinen Tisch am Fenster saß, einen Kuss auf die Stirn.
“Guten Morgen, mein Schatz. Wie war deine Nacht?”, fragte sie schlaftrunken.
“Ziemlich ruhig. Ernie braucht mich auch noch die gesamte nächste Woche.” Enttäuschung schwang in seiner Stimme mit.
“Was ist mit dir?”, fragte sie mit einer Spur Besorgnis in der Stimme.
Seine Mutter hatte sehr wohl die Veränderung an und in ihm in den letzten Wochen bemerkt.
Er konnte es ihr nicht sagen. Wie sollte er ihr erklären, dass ihn eine Person, ein Mann, den er gerade zwei Mal gesehen hatte, durcheinander brachte. Dass er seit ihrer ersten Begegnung von Drachen, Löwen und Schlangen träumte und es ihm durchaus bewusst war, dass diese Träume so viel mehr bedeuteten. Aber er verstand nicht, dass ihm etwas fehlte und er nicht sagen konnte, was es war.
Er schüttelte den Kopf, hatte keine Lust sich lange Ausreden ausdenken zu müssen.
“Es war eine lange Nacht. Ich bin müde”, gab er daher nur abweisend zurück verließ die Küche und ging die Treppe hinauf. Er schritt die Galerie im oberen Stockwerk entlang und öffnete die letzte Tür. Hinter dieser lag ein kleines Zimmer. Durch die beiden Fenster an der gegenüberliegenden Seite fielen die ersten Sonnenstrahlen des Tages.
Draven trat an das linke Fenster und blickte hinaus. Wie gerne würde er den Sonnenaufgang mit ihm erleben.
Verträumt drehte er den Ring an seinem Finger. Wieder wanderten seine Gedanken zu den grünen Augen. Was war nur an ihnen, das ihn so sehr faszinierte? Ihm kam das Gesicht seltsam vertraut vor.
Wütend und zugleich verzweifelt schlug er mit der Faust gegen die Wand. Verdammt, warum konnte er sich nicht erinnern? Was war vor vier Jahren geschehen?
Seine Mutter erzählte kaum etwas aus ihrer Vergangenheit. Er hatte den Schmerz in ihren Augen gesehen, wenn sie gedankenverloren in dem großen Ohrensessel vor dem Kamin saß und in die knisternden Flammen blickte. Es war schon seltsam, dass dieser jeden Tag mit Holzscheiten gefüttert wurde, selbst wenn außerhalb des Hauses die Luft vor Wärme nur so flimmerte. Er hatte zwar so viele Fragen, aber er traute sich nicht, ihr diese zu stellen, aus Angst, sie würde dabei zusammen brechen. Er wollte sie doch nur schützen, auch wenn er nicht genau wusste, wovor. Sie schien so schwach und zerbrechlich. Oft genug hatte er sie im Schlaf weinen gehört.
Er ging zum Bett, welches an der Wand neben dem zweiten Fenster stand, knöpfte sich das Hemd auf, zog die Schuhe samt Socken und Hose aus und ging nur mit Boxershorts bekleidet in das angrenzende Badezimmer. Wenige Augenblicke später ließ er das kühle Wasser auf seinen Körper nieder prasseln. Und wieder sah er in grüne Seen, als er seine Augen schloss. Er fühlte sich in ihnen verloren und war sich dennoch sicher, dass alles genau richtig war.
Warum? Woher kannte er ihn? Immer wieder blieb er bei den Tagen Anfang August vor vier Jahren hängen. Was war damals passiert?
Nachdem er sich den Schaum aus den Haaren und von seinem Körper gewaschen hatte, langte er nach einem Handtuch, welches sich augenblicklich vom Stapel aus dem Regal an der gegenüberliegenden Wand löste und sich in seiner Hand wieder fand. Mit dem Handtuch um die Hüfte ging er wieder in sein Zimmer und zog sich ein paar Schlafshorts aus dem Kleiderschrank neben der Tür. Dabei drehte er die Tür des Schranks so, dass er die Tätowierung zwischen seinen Schulterblättern im Spiegel über der Kommode sehen konnte.
Wie jedes Mal, wenn er die Tiere betrachtete, fragte er sich, wie sie nur so perfekt sein konnten. Er hatte jedes Tatoostudio in London aufgesucht, doch niemand hatte dieses Motiv jemals gesehen. Jedoch war er auch nie in einer anderen Stadt gewesen, wie seine Mutter es ihm immer wieder bestätigte. Also musste das Tatoo in London entstanden sein. Und abermals hatte er das Gefühl, als spreizte der Drache seine Flügel ein wenig und blinzelte ihm der Löwe nicht zu? Er schüttelte den Kopf. Die Nacht war eindeutig zu lange gewesen.
Resigniert schloss er die Tür und ging zu den Fenstern, um diese zu verdunkeln, legte sich in sein Bett, zog die Decke über sich und fiel in einen unruhigen Schlaf.
Die Türglocke kündigt einen neuen Kunden an. Eine stämmige Frau begrüßt den Neuankömmling, der sich schüchtern umsieht. Ich kann nicht verstehen, über was sie sich unterhalten als sie nach hinten kommen.”Hallo, auch Hogwarts?”, frage ich.
“Ja”, war die Antwort des Kleinen. Grüne Augen sehen verlegen wieder weg.
“Mein Vater ist nebenan und kauft die Bücher und Mutter ist ein paar Läden weiter und sucht nach Zauberstäben.” Ich versuche ein Gespräch zu beginnen, aber der Schwarzhaarige, dessen Haare in alle Richtungen wild abstehen, gibt nur einsilbige Antworten. Die Umgebung löst sich auf. Das Gesicht meines Gegenübers verändert sich, wird älter. Er hält nun einen Holzstab in der Hand und zeigt damit auf mich.
“Imperio”, höre ich ihn sagen und eine Stimme in meinem Kopf befiehlt mir:
Geh auf die Knie
Geh auf die Knie
*Geh auf die Knie*
Meine Knie werden weich, drohen nachzugeben. Mein Kopf senkt sich.
“Kämpfe dagegen an.” Eine weibliche Stimme dringt zu meinen Gedanken durch.
Der Gedanke formt sich in meinem Geist.
*Geh auf die Knie*
Ich will mein eigener Herr bleiben. Langsam richte ich mich auf und sehe in die wunderschönen grünen Augen.
“Nein”, sage ich.
“Du hast es geschafft.”
Wieder fängt die Umgebung an zu verschwimmen.
Ich kann ein Zugabteil erkennen. Zu meinen Füßen liegt er mit angewinkelten Beinen in verkrampfter Haltung. Ich sehe, wie Blut aus seiner Nase läuft. Einen seltsam schimmernden Umhang breite ich über ihn aus und sehe den hasserfüllten Blick ehe er verschwindet.
Er schreckte aus dem Schlaf hoch. Was war das? Warum loderten ihm diese Augen nur so voller Hass entgegen? Nur langsam fand er wieder den notwendigen Schlaf.
Am nächsten Mittag stand ein ziemlich übernächtigter Draven in der Küche.
“Hallo Schatz. Du siehst nicht gut aus.”
“Morgen, Mum.”
Das war mehr ein Knurren. Er wusste auch, dass seine Mutter nichts für seine schlechte Laune konnte. Er hatte zwar schlafen können, aber er fühlte sich nicht sonderlich erholt, zumal ihm die Träume der letzten Nacht keine Ruhe ließen. Alles wirkte so real. Er ahnte, dass es mit seiner Vergangenheit zu tun hatte, aber was sollten diese komischen Umhänge?
Und immer wieder diese Augen. Immer wieder begegnete er ihnen, aber normalerweise sahen sie ihn nicht mit dieser Sehnsucht an. Nein, es handelte sich eher um das Gegenteil. Hass. Aber warum?
Draven war so sehr in Gedanken, dass er erst durch das Zischen am Herd wieder in die Gegenwart zurückgeholt wurde.
“Shit”, fluchte er leise und nahm den Deckel vom Topf, der gerade überkochte, und das Wasser hörte auf, heraus zu sprudeln.
Seine Mutter sah ihn nachdenklich an.
“Was ist mit dir?”, fragte sie besorgt.
“Nichts, Mum.”
Er hörte sie seufzen. Noch nie hatte er sich ihr anvertraut. Auch vorher nie. Immer meinte er, alles mit sich selbst ausmachen zu müssen. Warum war er nur so verschlossen? So wie sein Vater.
Der Gedanke an ihn versetzte ihr einen tiefen Stich ins Herz. Sie wusste nicht, ob er noch lebte. Sie hatte ihn vor fünf Jahren das letzte Mal gesehen. Aber wenn er noch lebte, warum hatte er keinen Kontakt zu ihr aufgenommen?
Sie liebte ihn noch immer, aber langsam gab sie die Hoffnung auf. Tränen liefen ihr über die blassen Wangen. Wie sie in den Salon gekommen war, wusste sie genauso wenig, wie der Holzstab in ihre Finger gelangt war. Er weckte in ihr mehr Erinnerungen, als ihr lieb war. Ein leichtes Kribbeln durchzog ihre Fingerkuppen, die sachte über das Holz strichen. Wie einen Taktstock hielt sie diesen Stab nun. Wie lange hatte er in dieser Schatulle auf dem Kamin gelegen? Vor fast vier Jahren hatte sie ihn das letzte Mal benutzt. Sie hatte zu große Angst, entdeckt zu werden. Langsam ließ sie sich in den großen Sessel am Kamin sinken.
“Oh, Dray, ich hoffe so sehr, dass ich damals alles richtig gemacht habe.”
Draven schloss leise die Tür und ließ sich neben dieser mit dem Rücken an der Wand hinunter gleiten. Er hatte gesehen, wie seine Mutter wie betäubt aus der Küche in den Salon gegangen war und den rechten Holzstab aus der Schatulle auf dem Kaminsims genommen hatte. Er fragte sich immer wieder, was so besonders an diesen beiden Stäben war, dass sie in so wertvollen Schatullen aufbewahrt wurden.
Lady Capperfield gibt ihre Verlobung mit Adrian Bodderick bekannt.
Nur diese Überschrift konnte man auf dem ausgerissenen Blatt Papier erkennen.
Seine Augen wurden glasig und die erste Träne fand ihren Weg über seine gerötete Wange. Und die ganze Zeit hatte er sich die Schuld am Scheitern ihrer Beziehung gegeben. Adrian wollte ihn niemals wirklich, das wurde ihm durch die wenigen Zeilen aus der Muggelillustrierten bewusst.
Dabei hatte alles so gut angefangen.Hermine hatte ihn auf diesen Empfang geschleppt. Anders konnte er es nicht nennen. Am liebsten würde er jetzt in der Bibliothek am Grimmauldplace sitzen und sich in seinen Büchern vergraben. Er hatte die Bibliothek lieben gelernt. Durch die Bücher konnte er vergessen. Vergessen, was beim letzten großen Kampf geschehen war. Vergessen, wie Riddle den Fluch losschickte. Vergessen, wie dieser abgelenkt wurde. Vergessen, wie er sein Ziel verfehlte und den Turm zerstörte. Vergessen, wie dieser alles unter Tonnen von Schutt begrub, wofür er gekämpft hatte. Begrub den, für den er kämpfte. Begrub den, den er liebte. Und nun sollte er mit Hermine zu diesem dämlichen Empfang. Rausreden von wegen, dass er am nächsten Tag nicht im Tagespropheten stehen wollte, konnte er sich nicht. Der Empfang fand in der Muggelwelt statt. Also ging Harry mit Hermine am besagten Abend zu zu der verhängnisvollen Feier und langweilte sich. Im Gegensatz zu seiner Freundin war er nicht so sehr an Konversation mit Fremden, noch dazu mit Muggeln, interessiert. Was sollte er auch groß erzählen? Wie er den dunkelsten aller Magier besiegt hatte, wo sie doch von seiner Welt nichts wussten? So stand er ein wenig verloren da und nippte an einem Glas Orangensaft. Was hätte er nicht alles für ein wenig Kürbissaft getan?Unvermittelt wurde er angesprochen. Eine seidige Stimme hatte ihn aus seinen trüben Gedanken gerissen. Als er sich umwandte und direkt in das Gesicht des ihn Ansprechenden blickte, glaubte er zu träumen. Blasse Haut wurde durch blonde Strähnen eingerahmt. Schmale sinnliche Lippen bewegten sich, doch Harry verstand kein Wort. Als sein Blick höher wanderte, begann er langsam zu begreifen. Blaue Augen blickten ihn an und er kehrte in die Realität zurück. Es war kein Traum, keine Wunschvorstellung. Vor ihm stand nicht der Grund seiner bisherigen schlaflosen Nächte. Nein, vor ihm stand der Grund seiner zukünftigen schlaflosen Nächte. Adrian. Adrian Bodderick, wie er sich vorstellte. Der restliche Abend war für Harry nun nicht mehr ermüdend. Viel zu schnell verflog die Zeit, wie es ihm schien.Es war nicht nur der Körper von Adrian, der ihn in den Bann zog. Auch die selbstsichere, aristokratische Art und Weise seines Gegenübers jagte ihm einen Schauer über den Rücken. Er glaubte nicht, dass er sich jemals wieder verlieben könnte. Aber irgendetwas, das er nicht definieren konnte, zog ihn an. Er konnte nur hoffen, dass Adrian ähnlich fühlte. Aber die Gesten seines Gesprächspartners ließen nur diese Schlüsse zu. Am nächsten Tag sollten auch seine leichten Zweifel zerstreut werden.
Nachdem sie sich in einer Galerie getroffen hatten, begaben sie sich in ein kleines verwinkeltes Bistro. Bei einem Kaffee wurden sie sich schnell einig, dass sie in ihrer Zweisamkeit lieber ungestört sein wollten und so nahmen sie sich ein Zimmer. Kaum, dass die Tür ins Schloss gefallen war, verlor Harry all seine Schüchternheit und riss Adrian beinahe die Kleider vom Leib. Jener stand Harry in nichts nach und schon bald lagen sie keuchend und nackt auf dem Bett. Jeder versuchte die Oberhand zu gewinnen und doch gab es keinen Sieger oder vielleicht waren es doch beide. Vor Harrys Augen begann die Wirklichkeit zu verschwimmen, aus blauen Augen wurden graue Seen, in denen er versank und sich fallen ließ. Als er über die Klippe sprang, formten seine Gedanken nur einen Namen.
‘DRACO.’
Tränen stiegen in seine Augen. Warum konnte er es nicht sein? Er war froh, dass Adrian sich neben ihn gelegt hatte und er mit dem Rücken gewandt zu ihm lag.
“Wow”, sagte der Blonde. “Wie lange hattest du keinen Sex?”
“Noch nie.” Harry hatte die Tränen herunter geschluckt.
Harry hatte am nächsten Tag ein kleines Appartement angemietet. Er wollte Adrian noch nicht mit in seine Welt nehmen. Er wollte dieser entfliehen. Auch Adrian schien es nicht zu stören. Zum Reden kamen sie bei ihren Treffen recht selten. Meist fielen sie übereinander her und Harry wachte am nächsten Morgen allein auf. Beide fragten den anderen nicht, wie sie ihr Geld verdienten. Das war nebensächlich. Doch langsam fing sich Harry. Seinen Freunden, allen voran Hermine, war seine häufige Abwesenheit nicht verborgen geblieben. So war sie es auch, die als erstes von der Affäre erfuhr.
Sie wollte seinen Rettungsanker kennen lernen. Harry war sich dessen bewusst. Auch war Weihnachten nicht mehr weit. Er wünschte sich nichts sehnlichster, als das Fest der Liebe, mit Adrian und seiner Familie zusammen zu verbringen. Seiner Familie, die Weasleys, mit allen, die dazu gehörten, angefangen bei Hermine und Ron, Ginny, Georg und sein Partner Lee, Bill und Fleur, Charlie und natürlich Molly und Arthur. Irgendwann würde der Moment sowieso kommen, wo er Adrian von seiner Welt erzählen musste, lieber früher als später.

