Godrics Hollow
Die Landschaft zog an ihm vorbei. Er kannte den Weg wie seine Westentasche, obwohl er vor vier Jahren das letzte Mal in Godrics Hollow gewesen war. Seitdem Voldemort vernichtet war, um genau zu sein. Zu viele Erinnerungen warteten auf ihn. Den größten Teil seines siebten Schuljahres hatten er und seine Freunde hier verbracht, wenn sie nicht gerade auf der Suche nach den Horkruxen gewesen waren.
Rückblick
Sanfte Hügel wölbten sich vor ihnen, waren weiß überzogen und ein leichter Wind wirbelte immer wieder Schnee auf, so dass es aussah, als würde der Puderzucker gerade über die Hügel verteilt.
Etwas irritierte Harry, als er seinen Blick über die Gegend schweifen ließ. Die Landschaft vor ihnen war nicht so makellos, wie sie hätte sein sollen. In der Nacht hatte heftiges Schneetreiben eingesetzt, aber nur ein paar hundert Meter vor ihnen war ein dunkler Fleck in der weißen Decke zu sehen, die sich im Tal niedergelegt hatte.. Hermine schaute zu ihm und als er langsam vorwärts ging, hielt sie ihn am Arm fest. Harry sah in ihren Augen Besorgnis.
„Herm, ich bin vorsichtig“, versuchte er sie zu beruhigen. „Du und Ron gebt mir Rückendeckung, aber ich muss mir das ansehen.“
Harry blickte sich um und Ron, der wenige Schritte hinter ihnen stand, nickte ihm und Hermine zu, die langsam ihre Hand von seinem Arm löste und ihn so freigab.
Nachdem sich Harry umgeschaut hatte, ging er langsam in die Mitte des unberührten Tales. Dabei musste er aufpassen, dass er nicht zu tief in den Schnee einsank. Es schien eine Ewigkeit vergangen zu sein, bis er sich der Stelle genähert hatte. Der Schnee vor ihm war makellos, niemand war vor ihm hier gewesen seit es in der Nacht geschneit hatte, aber das, was er von Weitem als dunklen Fleck ausgemacht hatte, verunstaltete das blendende Weiß mit einer blutroten Lache. Ein Fleck frischen Blutes. Aber es konnte kein Tier sein. Keine Spuren führten zu der Blutlache. Er war nur noch wenige Schritte entfernt, als er erkannte, dass es sich um einen Menschen handelte. Der schwarze Umhang verdeckte den Körper fast vollständig. Nur blutdurchtränkte Haare konnte er erkennen.
„Hilfe…“
In seinem Kopf erklang eine vertraute Stimme. Ungläubig und jeden Zentimeter in seiner Umgebung musternd, sah er sich um. Bis auf den Körper vor ihm im Schnee konnte er nichts ausmachen, was ungewöhnlich war. Auch bei Hermine und Ron schien alles in Ordnung zu sein, wie sich Harry mit einem Blick zu ihnen vergewisserte. Er bückte sich nun, um die Kapuze vom Gesicht des vor ihm liegenden Menschen zu ziehen.
„Harry, hilf mir…“, hörte er erneut die Stimme in seinem Kopf. Als er die Konturen des Gesichtes erkannte, zuckte er zurück. Alles schien irreal. Das konnte nicht sein. Blut lief über die blasse Stirn im Schnee, nur wenige blonde Strähnen waren noch zu sehen. Der größte Teil des Haares war rot. Diese feinen aristokratischen Züge würde er überall wieder erkennen.
Malfoy.
Aber was machte er hier?
„Harry, hilf mir, bitte!“
Nun wusste er, woher er die Stimme kannte. Er schüttelte seinen Kopf, wusste nicht wieso, aber er konnte nicht anders handeln. Malfoy würde hier erfrieren und das konnte er nicht zulassen. Auch wenn er Dumbeldore töten wollte, verdiente er es nicht, hier elendig zu sterben.
„Ron wird mich hassen“, seufzte Harry und hob den leblos wirkenden Körper an. Viel zu sehr war er in seinen Gedanken gefangen, als das er ‚Mobil Corpus’ benutzen konnte.
Mit der Last war der Weg zu Hermine und Ron nun schwieriger. Um eine Diskussion zu unterbinden, hatte er Malfoy in den Umhang gewickelt. Als er endlich seine Freunde erreicht hatte, sagte er nur:
„Er braucht unsere Hilfe. Die Suche setzen wir später fort.“
Plopp.
Und damit Harry war verschwunden.
Ein Herrenhaus tauchte hinter der nächsten Straßenbiegung auf. Sanft ließ Harry den Wagen in die Einfahrt rollen und stellte den Motor ab. Minutenlang saß er einfach da, die Hände auf dem Lenkrad, sein Blick nach innen gerichtet. Endlich gab er sich einen Ruck und stieg aus. Er ließ seinen Blick über den chaotischen Vorgarten hin zum Eingang wandern. Was er da sah, so wusste er, war ein Trugbild. Draco und er saßen auf der obersten Stufe und unterhielten sich. Harry schüttelte den Kopf. Er sollte der Vergangenheit nicht hinterher trauern. Das Hier und Jetzt war wichtig. Aber er konnte nicht. Zu viele Erinnerungen barg dieses Haus. Erinnerungen an ein paar glückliche Wochen, an die er lieber nicht denken wollte. Langsam schlurfte er die Stufen hinauf zur Haustür. Allein seine Berührung reichte, um die Zauber aufzulösen, die auf eben dieser lagen.
‘Vier Jahre’, ging es ihm durch den Kopf. Und kaum dass er einen Schritt in das Haus setzte, holten ihn die Erinnerungen wieder ein.
Rückblende Kaum, dass er in Godrics Hollow angekommen war, ging er die Stufen in den ersten Stock hinauf, und auf die Tür am Ende des Flurs zu.
„Harry“, hörte er die Rufe von Hermine hinter sich. Er drehte sich kurz um, um mit dem Ellenbogen die Klinke nach unten zu drücken, und sah seine Freunde, die die Treppe hinauf stürmten.
„Warte doch“, keuchte Hermine.
„Ron, hol Ginny. Bitte.“ Mit neutraler Stimme richtete er diese Bitte an seinen Freund.
Ron wollte etwas erwidern, als er jedoch Harrys Blick begegnete, nickte er nur noch.
Der junge Zauberer ging ohne ein weiteres Wort ins Zimmer. Hermine eilte ihm hinterher und sah, wie Harry seine Last in sein Bett legte.
„Hermine, bereite eine Schüssel mit warmen Wasser vor.“
„Harry, was ist los?“, fragte sie besorgt und ging in das angrenzende Badezimmer.“
Harry ignorierte ihre Frage und löste den Umhang von seinen Schultern, schenkte seine gesamte Aufmerksamkeit Malfoy. Vorsichtig löste er die Schnalle, um den Umhang zu öffnen und ihm die Kapuze aus dem Gesicht zu ziehen. Fast das gesamte Haar war blutdurchtränkt, die blonden Strähnen kaum zu erkennen . Sachte strich er die Haare aus dem Gesicht, von dem er seinen Blick nicht wenden konnte. Viele kleine Schnittwunden durchzogen die ebenmäßige Haut.
Ein Scheppern riss ihn aus seinen Gedanken.
„Malfoy?!?“, keuchte Hermine erschrocken.
Mit einer Bewegung seiner rechten Hand hatte Harry die Wasserpfütze, die sich zu Hermines Füßen bildete, zu einer Kugel geformt und ließ diese in die Schüssel fallen , die mittlerweile im Raum schwebte.
„Harry?“ Hermine starrte entgeistert immer wieder ihren Freund und den Verletzten an.
„Hermine, ich kann es nicht erklären, aber ich weiß, dass er uns nicht verraten wird“, versuchte er Hermine zu beruhigen.
„Aber wenn das eine Falle ist!“ Angst schwang in ihrer Stimme mit.
„Es ist keine“, antwortete Harry voller Überzeugung und ließ die Schüssel zu sich schweben. „Du weißt selbst, wenn sie ihn suchen, können sie ihn nicht finden. Er selbst kann nichts tun. Mine, untersuche ihn“, forderte er seine Freundin auf. “Bitte.“
Ratlos blickte sie ihn an. Wie in Trance ging sie zum Bett, hob ihren Zauberstab und nachdem sie ein paar Worte gemurmelt hatte, hielt sie ein Pergament in ihren Händen. Ungläubig überflog sie es.
„Harry, er sollte ins St. Mungo Hospital.“
Harry rutschte an der Wand herunter. Tränen bahnten sich ihren Weg über seine Wangen. Irgendwann glitt er in einen unruhigen Schlaf über.
„Harry.“
Eine sanfte Stimme holte ihn aus seinen unruhigen Träumen.
„Harry?“, flüsterte jemand. Er spürte eine Hand auf seiner Schulter. Vorsichtig öffnete er die Augen. Doch erkennen konnte er kaum etwas, so verquollen wie sie waren.
„Harry.“
Hermines leise Stimme ließ ihn nun wach werden. Langsam nahm sie ihn in die Arme und er fühlte sich wohl, genoss die Geborgenheit, die diese Geste ausstrahlte.
„Wie spät ist es?“, fragte er.
„Zeit zum Abendessen“, war ihre Antwort.
Er löste sich von ihr, rieb sich die Augen und fuhr sich mit seiner rechten Hand durch die Haare.
Sein Blick wanderte durch das Zimmer. Durch die großen Bogenfenster, die sich in der gegenüberliegenden Wand befanden, fielen die letzten Sonnenstrahlen des Tages und tauchten das Zimmer in einen friedlichen Rotton. Sanft umspielte das Licht den Schreibtisch. Langsam wanderte Harrys Blick weiter nach rechts über die Betten, die an der Wand standen. Wieder füllten sich seine Augen mit Tränen. Er sah, wie eine blonde Gestalt langsam von der rechten Liege aufstand. Harry war nicht fähig, sich zu bewegen. Zu sehr war er in seinem Trugbild gefangen. Eine warme Hand, die ihm die Tränen von den Wangen wischte, holte ihn in die Realität zurück. Dankbar blickte er in Hermines Augen. Behutsam nahm sie seine Hand.
„Komm.“
Nur ein Wort, doch lenkte es ihn ein wenig von seinen Gedanken ab.
Er war froh, dass sie ihn führte. Er kannte zwar jeden Zentimeter diese Hause und fand sich selbst im Dunkeln zurecht, aber heute sah er kaum etwas, nahm kaum seine Umgebung wahr, was nicht unbedingt an seinen verweinten Augen lag.
In der Küche spürte er, wie eine Hand sachte über seinen Rücken strich. Dankbar versuchte er Ron anzulächeln, was ihm aber nicht gelang.
Appetitlos stocherte er in dem Rührei herum, welches sein bester Freund auf die Schnelle zubereitet hatte. Harry war dankbar darüber, dass ihn Ron und Hermine in Ruhe ließen. Vielleicht würde reden ihm gut tun. Aber er konnte nicht. Zu heftig waren die Erinnerungen auf ihn eingestürmt, als er sein Zimmer betreten hatte. Alle verdrängten Gefühle und Erinnerungen kamen wieder an die Oberfläche. Alte Wunden brachen auf.
„Warum?“, hallte es in seinem Kopf immer wieder.
Vorwurfsvoll schaute er zu Hermine. Es war ihr Vorschlag gewesen, die Feier hier abzuhalten.
Behutsam nahm Hermine Harrys Hand in die ihre.
„Irgendwann musst du dich der Vergangenheit stellen“, sagte sie in einem ruhigen Ton.
„Ich bin bisher sehr gut zurecht gekommen“, schrie er sie plötzlich an und sprang auf. Wie ein eingesperrter Panther lief er unruhig in der Küche hin und her. Er brodelte innerlich. Sie war es doch, die ihn veranlasst hatte, hier zu feiern, hier wo ihn alles an IHN erinnerte, hier wo er nicht vor der Vergangenheit fliehen konnte, hier wo er von seiner Schuld innerlich aufgefressen wurde.
„Nein. Du hast es nur verdrängt“, antwortete sie bestimmt.
Darauf fand er keine Erwiderung. Er wusste, dass sie Recht hatte, aber er würde einen Teufel tun, es zuzugeben.
„Verdammt, Harry. Denkst du, für uns ist es einfach, mit dir klar zukommen? Erst verkriechst du dich im Blackhaus und lässt kaum jemanden an dich heran. Schlägst Besuche aus. Überhäufst dich mit Arbeit. Und dann von heute auf morgen bist du nur noch auf Achse.“ Verzweifelt sah sie ihn an und ihre Stimme vibrierte. „Sei doch froh. Endlich komme ich aus meinem Haus raus“, blaffte Harry und ignorierte das Kopfschütteln von Ron.
„Nein, Harry. Ich verstehe dich nicht mehr. Ich dachte, wir wären Freunde. Wir würden uns alles erzählen, uns helfen.“ Hermines Stimme versagte, die letzten Worte hatte sie nur geflüstert, und schließlich waren sie in leises Schluchzen übergegangen. Rons Arm legte sich um ihre Schulter. „Harry, rede. Bitte“, flehte sie ihn an.
Harry stützte sich auf der Spüle ab, atmete tief ein und schüttelte den Kopf.
„Ich kann nicht“, sprach er heiser. Tränen liefen erneut über seine Wangen.
„Reden hilft“, versuchte es Hermine erneut. Ron wiegte sie in seinem Arm.
„Es tut alles so weh“, schluchzend sackte er auf den Boden.
Hilflos sah Ron seinen Freund weinen.
„Warum musste er auch mitkommen?“, ächzte Harry.
„Weil er einer der besten Zauberer war“, gab Hermine die schlichte Antwort.
„Warum musste er dort stehen? Warum?“ Harry wurde immer leiser. „Es fing doch gerade erst an.“
„Harry, lass ihn los.“
Verwundert blickte er zu Hermine.
Wie? Er sollte Draco aufgeben? Niemals. Nicht wo er ihn gerade erst wieder gefunden hatte.
Harry schüttelte den Kopf.
„Nein“, sagte er bestimmt, stand langsam auf und straffte seine Schultern. „Nein, nicht jetzt“, sagte er und verließ das Haus durch die Hintertür.
Er ging vorsichtig, sich immer wieder an der Wand entlang tastend, die Stufen hinunter. Sein Begleiter war dicht hinter ihm. Nach einer fast ewig währenden Zeit, wie es ihm vorkam, erreichten sie endlich das Ende der Treppe. Der andere Mann wies ihm die Richtung und er fand nur wenige Schritte entfernt eine Tür. Mit allergrößter Sorgfalt überprüften sie die Eichentür und beide murmelten abwechselnd immer wieder irgendwelche lateinischen Worte, ehe er vorsichtig die Klinke herunterdrückte und sie so dass das schwere Holz langsam aufschieben konnten. Ein schwacher Lichtschein durchdrang die Dunkelheit und sie erkannten die Größe des Raumes vor ihnen. Wieder Rücken an Rücken, durchschritten sie das Gewölbe, als ihnen ein modriger Geruch entgegenschlug.
Stetiges Tropfen halte in der Stille wieder, die nur noch durch ihre Schritte unterbrochen wurden. Als sie etwa die Mitte der unterirdischen Halle erreicht hatten, wuden sie von gleißend weißem Licht geblendet.
Was war das? Er schüttelte seinen Kopf, so dass überall im Badezimmer Wassertropfen an die Wände prallten und herabliefen. Es war seltsam. Diese Vertrautheit. Und was war da wieder mit dem Stab? Und was war da auf einmal passiert?
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