Entdeckungen
Er war erst am frühen Morgen nach Hause gekommen. Wieder war er umsonst im „Fridge“ gewesen. Frustriert fuhr er mit den Fingern der rechten Hand die Konturen des Anhängers nach. Nein, er wollte nicht aufgegeben. Nein. Er hatte es schon einmal getan. Vielleicht würde er ja heute Abend da sein. Ein winziger Hoffnungsschimmer keimte in ihm auf, als er unter die Dusche verschwand und sich für den kommenden Tag fertig machte. Schlafen hätte er jetzt nicht mehr können und so wäre er früh im Ministerium. Vielleicht würde er es ja heute mal schaffen, die Akten durch zuschauen, die sich nicht nur auf seinem Schreibtisch, sondern auch davor und daneben, stapelten.
So saß Harry nach einem reichhaltigen Frühstück, auf das Dobby bestand, schon gegen sieben Uhr auf seinem Stuhl im Ministerium und stöhnte. Wollte er sich heute wirklich mit den angestaubten Papierbergen befassen? Nun ja, irgendwann musste er dies tun. Also fing er mit dem rechten Stapel vor sich an. Aber selbst als es langsam Mittag wurde, hatte er nicht den Eindruck, er würde vorankommen. Einige Sachen gab er dem Schnak, einem kleinen kuschelweich aussehendem Tier, dem man nicht trauen sollte, da es alles zerriss, was ihm in die Pfoten kam. Andere Papiere sortierte er auf neue Stapel, um sie am Nachmittag abzuheften.
„Hat er schon wieder die Nacht durchgemacht und kommt heute nicht?“, hörte Harry Hermines Stimme von ihrem Schreibtisch. „Er hätte wenigstens Hedwig schicken können.“
„Wer hätte Hedwig schicken sollen?“, fragte Harry als er irritiert hinter einem der Aktenberge hervor lugte. Er war so in seine Arbeit vertieft gewesen, dass er nicht bemerkt hatte wie seine beste Freundin das Büro betreten hatte und sich nun selbst durch die Akten wühlte.
„Haaaarry!“, kreischte sie erschrocken auf. „Seit wann bist du denn schon hier?“
Der Angesprochene löste gerade seine Hände wieder von den Ohren. Der Schrei war doch etwas zu laut gewesen.
„Mine, schrei bitte nicht so laut. 7 Uhr, denke ich.“
„Was ist denn in dich gefahren? Sonst bist du doch um die Zeit noch im Bett. Schau mich mal an. Sag mal, warst du überhaupt im Bett?“
Er schüttelte den Kopf.
„Harry, sag mir, was los ist. Ich freue mich ja, dass du nun ausgehst, aber du musst es nicht gleich übertreiben. Du fällst von einem Extrem ins andere. Da steckt doch mehr dahinter.“
„Mine, wie spät ist es?“, versuchte Harry das Thema zu wechseln. Ihn behagte es überhaupt nicht, über seine Suche zu sprechen.
Hermine seufzte und ging darauf ein. Wenn Harry nicht sprechen wollte, dann konnte man ihn auch nicht dazu zwingen. Er würde sich nur noch mehr verschließen. Sie war ja froh, dass er nun nicht mehr nur im Grimmauld Place saß und die Bibliothek durcharbeitete, aber musste er unbedingt gleich jeden Abend ausgehen?
„Gleich zwölf. Hast du Hunger?“
„Ich glaube, eine Kleinigkeit könnte ich vertragen“, sagte Harry und stand auf. Ein paar Blätter segelten durch das Büro und landeten auf dem Boden. Er bückte sich und ließ seinen Blick kurz darüber gleiten. Als er das zweite Pergament in seine linke Hand nahm, stutzte er, sah noch einmal auf das Blatt in seiner Rechten.
„Hermine, wann war Helga Hufflepuff in Frankreich?“
Diese schaute Harry verwirrt an.
„Warum willst du das wissen?“
„Mine, antworte doch nicht immer mit einer Gegenfrage, also: wann war sie in Frankreich?“
Harry hörte sich leicht genervt an.
„Ich glaub von 978 bis… hmm… Mensch, nee, das weiß ich jetzt nicht. Warum?“
„Hier ist von einem seltsamen Garten die Rede. Er soll sehr schön sein und alle möglichen Pflanzen, die magischer Natur sind, beherbergen. Aber dann verschwand er plötzlich. Und in dem Bereich, wo er sich einst befunden haben soll, traut sich niemand mehr hin. Er soll verwunschen sein. Hermine, da stimmt was nicht. Ich muss dahin. Irgendetwas sagt mir, dass da etwas ist, was ich mir anschauen sollte.“
„Und was hat das mit Helga Hufflepuff zu tun?“
„In der Zeit, als der Garten angelegt wurde, war sie in Lyon“, sagte Harry und hob noch ein Pergament auf, das auf dem Boden gelegen hatte. „Moment, hier ist noch mehr.“ Hastig überflog er die geschriebenen Zeilen. „Da ist von einem Pavillon die Rede und einem Ambiente, was doch so gar nicht dazu passte.“
„Wie jetzt?“, fragte Hermine und nahm Harry das Pergament aus der Hand. „Harry, das kann nicht sein. Ich hab doch erst letztens was gehabt.“
Sie ging an ihrem Schreibtisch vorbei zu dem Regal daneben. Im Gegensatz zu Harrys Regal, was nur durch Magie zusammengehalten werden konnte und man jeden Moment Gefahr lief, von einem Buch oder einem Stapel Pergamente erschlagen zu werden, war bei ihr alles akkurat abgelegt. Schon mit einem Handgriff hatte sie die gesuchte Rolle und überflog sie.
„Hier, Helga Hufflepuff war für ihre Weltreisen bekannt. Nun ja, was man damals als Welt kannte. Sie war unter anderem in Kleinasien, Indien und Afrika. Daher auch die Vielfalt in ihrem Garten. War sie nicht auch in Lyon verschwunden? Also ich finde hier nichts mehr über sie. Nachdem sie den Garten errichtet hatte, ist sie spurlos verschwunden.“
„Hmm, ich werde zu Flume gehen. Willst du auch mit nach Lyon?“
Hermine schüttelte den Kopf. „Ich würde ja gern. Aber ich darf nicht mehr. Du weißt doch, ab dem dritten Monat darf man nicht mehr apparieren.“
Harry ging auf sie zu. Ihr sehnsüchtiger Blick war ihm nicht entgangen.
„Hey, Mine, dafür gehen wir jetzt erst einmal Mittagessen. Ich hab letztens erst wieder einen guten Inder um die Ecke entdeckt. Zu unserem Chef kann ich auch nachher noch gehen.“
Hermine schmunzelte. Ja, Harry hatte ein glückliches Händchen, wenn es darum ging, ein gutes Restaurant zu finden, sei es nun von Muggeln oder Zauberern betrieben. Obwohl, wenn sie sich recht entsann, dann waren es meist nur Muggelrestaurants, wo sie essen gingen. Da wurde er wenigstens nicht so angestarrt. Auch wenn es schon vier Jahre her war, dass Voldemort gefallen war. Immer noch versuchte jeder Reporter von der Klatschpresse, naja, fast jeder Reporter, eine Story über ‘Den Jungen der überlebt hat’ zu bringen. Ihre Gedanken gingen zu Luna und Neville. Beide hatte das Magazin von ihrem Vater übernommen, der froh war, sich endlich seinen Fabelwesen widmen zu können. Und Neville hatte sich wirklich gemacht. Aus dem schüchternen Jungen war ein knallharter Geschäftsmann geworden. Nicht ganz, aber für Leute, die ihn nicht kannten, sah es ganz so aus. Nur bei seinen Freunden gab er sich wie eh und je und war auch immer noch der Tollpatsch in Person.
„Mine, kommst du?“
Mit diesen Worten riss Harry Hermine aus ihrer Gedankenwelt und sie lächelte entschuldigend.
„Was hast du nun wieder ausgeheckt?“, fragte er, da er dieses Lächeln nicht so richtig deuten konnte.
„Nichts, Harry, wirklich“, sagte sie noch einmal nachdrücklich, da er ihr nicht so recht zu glauben schien. „Ich habe nur an unser letztes Treffen mit Neville denken müssen.“
Dabei schlich sich auch auf Harrys Gesicht ein Lächeln.
„Als er versuchte aus Albafarn Limonade zu brauen?“
Hermine versuchte sich zusammenzureißen, damit sie nicht sofort einen Lachkrampf bekam. Aber die Vorstellung, wie der Braukessel unter dem Wohnzimmer im Keller so langsam überkochte, die Überdruckventile ihren Dienst versagten und es einen lauten Knall gab, war schon recht erheiternd. Zumal danach ein circa zwei Meter großes Loch neben der Couch klaffte, glücklicherweise war niemand zu Schaden gekommen. Lunas einziger Kommentar bestand darin, dass es nun wohl keine Limonade geben würde. Und alle ehemaligen Gryffindors brachen in fröhliches Gelächter aus.
Als sie den Fahrstuhl im Ministerium betraten und sich vor Lachen die Bäuche hielten, schauten die anderen Zauberer beide etwas seltsam an.
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Als Harry aus dem Kamin stieg und sich den Ruß abklopfte, stand wie jeden Abend Dobby bereits vor ihm und begrüßte ihn.
„Dobby, machst du einen Koffer für mich fertig? Ich werde morgen bis Ende der Woche verreisen.“
„Jawohl, Master. Der Tisch im Speisezimmer ist gedeckt.“
„Danke“, antwortete Harry, aber da war der Hauself schon mit einem Plopp verschwunden.
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Das wohlbekannte Ziehen in der Magengegend ließ Harry wieder bewusst werden, wie sehr er doch diese Art der Fortbewegung hasste. Aber was blieb ihm anderes übrig? Mit dem Besen hätte es zwei Tage gedauert und so eine lange Strecke war kein Zuckerschlecken, zumal er darauf achten musste, nicht von Muggeln gesichtet zu werden. Harry sah sich um. Wie es schien, war er direkt in der Nähe des Parks disappariert. So ging er nur wenige Schritte den Hauptweg entlang. Schon nach ein paar Metern bog er in einen schmalen unscheinbaren Pfad zwischen den hohen Hecken nach links ab. Er spürte ein leichtes Kribbeln und nahm die Energie wahr, mit der dieser Bereich des Parks vor neugierigen Blicken geschützt wurde. Zauberer und Muggel verspürten normalerweise den Drang, diesen Ort so schnell wie möglich zu verlassen. Nur wenige Magier konnten diese erste Barriere durchdringen, da man schon wissen musste, was versteckt gehalten wurde und nur eine wahrhaft treue Seele würde diesen Bann durchbrechen können. Eine Hecke aus verschiedenen Sträuchern und Kräutern stellte das nächste Hindernis dar. Die Pflanzen schienen undurchdringlich. Harry senkte die Lider und konzentrierte sich. Vor seinem inneren Auge sah er die Hecke rot aufleuchten. Nur wenige gelbe Stellen erkannte er. Er suchte das Buschwerk weiter ab bis er eine schmale grüne Linie entdeckt hatte. Er schritt langsam auf den engen Spalt zu. Vorsichtig tastet er mit seiner rechten Hand den Schlitz ab.
„Seperate“, sagte Harry und die Pflanzen teilten sich zu einem Durchgang. Als er auf der anderen Seite der Hecke angekommen war, vernahm Harry ein Rascheln und die Lücke hatte sich wieder geschlossen.
Bedächtig ging er den Weg, der nur noch durch die Umrandung erkennbar war, entlang. Jahrhunderte schien niemand mehr diesen Ort betreten zu haben. Hinter dem hohen Gras konnte er schon nach ein paar Schritten einen Pavillon ausmachen. Er schien gerade groß genug, dass es sich zwei Personen darin gemütlich machen konnten. Er wusste aber auch, dass man sich von Äußerlichkeiten nicht täuschen lassen sollte. Oft waren die Dinge nicht so, wie sie von außen schienen. Abrupt blieb Harry stehen. Er war froh, dass er magische Barrieren erfühlen konnte. Denn eben so eine war wieder vor ihm Er riss einen Grashalm ab und hielt ihn vor sich. Nur wenige Zentimeter entfernt ging dieser in Flammen auf. Ein Löschzauber half nicht, der Halm zerfiel und die Asche wurde durch einen Luftzug in alle Richtungen geweht. Dieser Pavillon schien besser geschützt, als das Zaubereiministerium. Nun wurde er aber immer neugieriger. Was wurde so gut versteckt und behütet? Harry grübelte. Wie froh wäre er gewesen, wenn Hermine jetzt hier wäre. Sie kannte fast jeden existierenden Zauberspruch. Aber in ihrem jetzigen Zustand konnte sie nicht mehr apparieren und hier war es auch viel zu gefährlich für sie. Also, welcher Zauberspruch war der Richtige? Da fiel ihm Rowenas Tagebuch ein. Wie gut, dass er nun immer las, was er in die Finger bekam. Mehr als einmal hatte ihm diese Angewohnheit auf die Sprünge geholfen. Hatte sie nicht von einem Wasserzauber geschrieben, der in dem Moment wirkte, wo der Gegenstand, über den er gesprochen wurde, Feuer fing?
„Aquamentus“, sprach er, als er einen weiteren Grashalm in die unsichtbare Barriere hielt. Aber auch dieser verbrannte. Irgendetwas stimmte nicht. Was wäre, wenn nicht nur ein Zauber notwendig wäre? Er belegte den nächsten Grashalm mit einem Lösch-und einem Eiszauber und sprach
„Aquamentus.“
Und tatsächlich, es funktionierte. Der Grashalm blieb unbeschadet. So legte er die Zauber auch über sich und trat unbeschadet vor den Pavillon.
Eine magische Barriere spürte er nicht mehr, aber dennoch blieb er vorsichtig, berührte wachsam den Türknauf und drehte ihn. Nichts. Die Tür ließ sich nicht öffnen.
„Alohomora.“
Er versuchte es erneut. Nein. Immer noch ließ sich die Tür nicht öffnen. Wie froh war er, dass er ein kleines Set an Dietrichen immer mit sich führte. Er hatte diese zu seinem 17. Geburtstag von den Zwillingen bekommen und mehr als einmal hatten ihm die kleinen Werkzeuge weitergeholfen. Und tatsächlich. Schon nach wenigen, mittlerweile geübten Handgriffen war das Schloss überlistet und die Tür ließ sich problemlos aufsperren.
Was er da sah, ließ seine kühnsten Erwartungen verblassen. Wie ein Traum aus Tausend und einer Nacht erschien es ihm. Die Wände waren mit orientalischen Motiven bemalt, überall lagen Kissen, die zum Verweilen einluden. In der Mitte des Raumes standen ein niedriger Tisch und ein orientalisches Sofa mit einer halbrunden Seitenlehne. Sein Blick glitt weiter. Immer wieder konnte er kleine Nischen ausmachen, in denen Fenster eingearbeitet waren, durch die warmes Sonnenlicht in den Raum strömte und ihn mit angenehmem Licht durchflutete. Einige von den Nischen waren mit Regalen voll gestellt, die Bücher, Pergamentrollen und Gläser enthielten. In anderen stand nur ein Tisch mit ein oder zwei Stühlen und war mit Phiolen, Glaskolben und anderen Apparaturen übersät. Wie würde sich Draco wohl freuen, wenn er so eine Ausstattung vorfinden würde. Ein Seufzer entwich seiner Kehle. Selbst hier lies ihn seine Vergangenheit nicht los. Er atmete einmal tief durch und blickte nach oben und traute seinen Augen kaum. Über ihm erstreckte sich ein gewaltige Kuppel, die mit Mosaiks verziert war. Er konnte sogar Hogwarts erkennen. Nach einiger Zeit veränderte sich das Bild und eine riesige weiße Moschee, die ihm bekannt vorkam, war zu sehen. Während er sich weiter umschaute, bemerkte er auch eine Tür. Dahinter kam ein kleines Bad zum Vorschein. So begab er sich zu den Regalen. Die Pergamentrollen zogen ihn magisch an und er nahm sich den ersten Stapel. Er musste ja irgendwo anfangen. Sortiert schien hier nichts zu sein.
Als er sich am späten Abend, der Raum war durch mehrere hundert Kerzen in orangenes Licht getaucht, auf die Ottomane setzte, erschien auf dem Tisch eine Auswahl an orientalischen Gerichten. Harry schmunzelte. Helga Huffelpuff hatte wirklich Geschmack gehabt. Nachdem er seinen leeren Magen gefüllt hatte, legte er sich hin. Die Recherchen am Nachmittag in den Unterlagen der Gründerin waren mehr als Kräfte zehrend. Er wusste nicht so richtig nach was er eigentlich suchte. Er wusste, er würde es merken, wenn er es fand. Aber das könnte sich hinziehen. Noch bevor er sich versah, war er ins Reich Morpheus’ eingekehrt.
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Die Schlange kroch auf den Löwen zu. Jener versperrte ihr den Weg. Hinter ihm war ein kleines Bündel, aus dem ein ängstliches Fiepen drang. Der Löwe knurrte gefährlich, als sich die Schlange langsam näherte Er beobachtete jede ihrer Bewegung. Als sie sich auf den Löwen stürzen wollte, erklang ein heller Schrei und sie wurde von silbernen Krallen gepackt und fortgerissen. Sie wand sich aus den Pranken des Drachen und floh. Er landete neben dem Löwen und dieser sah ihm in die Augen. Der Drache schien sich zu verändern, aus den Schuppen wurde Gefieder, die Farbe wechselte von silbern zu braun, er schrumpfte.
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Zwei Tage später war Harry mit dem Sichten der Papiere und Aufzeichnungen soweit durch, dass er sicher sein konnte, die wichtigsten Dokumente geschrumpft und eingepackt zu haben. Sobald er wieder in London war, würde er mit Hermine zusammen die Pergamente durchgehen.
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Harry atmete tief durch und seufzte. Wieder einmal war er im „Fridge“ gewesen wie schon so oft in den letzten drei Wochen seit er aus Frankreich zurückgekehrt war. Aber den Tänzer hatte er nicht mehr gesehen. Ein Blick auf die Tankanzeige seines Wagens genügte und ein weiterer Seufzer entwich seiner Kehle. Er wollte heute früh, es war gerade mal fünf Uhr, noch nach Godrics Hollow fahren. Heute wollten Hermine und Ron zum Abendessen kommen und ein wenig umräumen musste er auch noch. Am Wochenende wollten sie immerhin seinen 22. Geburtstag feiern. Er schüttelte den Kopf. Ihm war nicht nach Feiern zumute, aber er hatte es seinen Freunden versprochen, zumal er zusammen mit Neville die Party geben wollte.
Oh, was würde er geben, um ein einziges Mal die Zeit zurückdrehen zu können. Sein 18. Geburtstag war sein bisher schönster und zugleich traurigster Tag in seinem Leben gewesen. Immer wieder sah er die grauen Augen und die sinnlichen Lippen seiner großen Liebe. Wie lange hatte er sich jenen Moment ersehnt, wo er endlich von ihnen kosten durfte. Aber es wurde ihm nicht gewährt. Gerade als sich sein sehnlichster Wunsch erfüllen sollte, platze Hermine herein mit der erwarteten Nachricht von Voldemorts Eindringen in Hogwarts. Er hatte fest geglaubt, dass sie diese verpasste Gelegenheit nach dem Kampf nachholen würden. Wie sehr er sich doch getäuscht hatte, wurde er sich am nächsten Abend bewusst. Ja, sie kämpften die ganze Nacht durch und auch am nächsten Tag hatten sie kaum die Möglichkeit, sich auszuruhen und zu erholen. Immer wieder griffen Todesser an. Am späten Nachmittag endlich zeigte sich auch der dunkle Lord. Der Kampf dauerte Stunden und immer weniger kämpften auf der Seite von Dumbledores Armee. Viele waren gefallen. Und dennoch fühlte sich Harry gut. Seite an Seite mit Draco kämpften sie sich voran und langsam schafften sie es, sich ein wenig Raum zu verschaffen. Aber es reichte nicht, schon nach wenigen Minuten wurden sie im Kampf wieder getrennt. So kämpfte er sich weiter mit Hermine und Ginny vor zu Voldemort.
Nein, er wollte sich nicht an den schrecklichsten Moment seines Lebens erinnern. Nein, er wollte nicht sehen, wie er den Fluch ablenkte und dieser den Turm zum Einsturz brachte und somit Draco unter sich begrub. Nein. Gesehen hatte er es nicht. Er wusste nur zu genau, wo seine große Liebe gestanden hatte. Und er gab sich die Schuld. Hätte er doch den Fluch nie abgelenkt. Aber er hatte nur reagiert.
Harry schüttelte den Kopf.
Nein.
Er klammerte sich an ein paar Augen, die er nie wieder sehen würde. Er musste anfangen Draco nun endlich zu vergessen.
Langsam ließ er den Motor an und fuhr zur nächsten Tankstelle. Nachdem er den Tank gefüllt hatte, ging er in den Laden. Er nahm sich noch ein Wasser – es würde ein wenig dauern, ehe er in Godrics war – und stellte die Flasche auf die Ladentheke. Der Kassierer drehte sich um und Harry erstarrte.
Die langen Haare umrahmten das ebene Gesicht. Diese aristokratischen Gesichtszüge würde er nie vergessen. Die langen Wimpern, mit denen die sturmgrauen Augen umrahmt waren – immer wieder würde er in ihnen versinken. Langsam, um den Augenblick nicht zu gefährden, ließ er seinen Blick über die Stirn gleiten, erkannte die feinen Narben auf der rechten Wange. Fast schon wollte er ihm die dunklen Haare aus dem Gesicht streichen und hinter das Ohr klemmen. Innerlich schüttelte er sich. Was war hier los? Da suchte er IHN überall und nun standen sie sich gegenüber und ER tat so als wenn ER ihn nicht kennen würde. Da stimmte doch etwas nicht. So gut konnte selbst Draco nicht schauspielern. Harry hatte damals recht schnell gelernt, hinter seine Maske zu schauen. Aber der junge Mann vor ihm trug keine Maske. Nein, irgendetwas befremdete Harry. Allein schon, dass er hier als Kassierer stand und sich wie ein Muggel benahm.
‚Ich wache bestimmt gleich auf. Das kann nicht real sein’, ging es Harry durch den Kopf.
Als er sich endlich wieder beruhigt hatte, sagte er:
„Und eine Türe Zitronendrops, bitte.“
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Draven kam die Stimme so bekannt vor. Er blickte auf. Das konnte nicht sein. Seit Wochen kreisten seine Gedanken jeden Tag um diese Augen und nun stand ER einfach so vor ihm. Hier stimmt etwas nicht. Dieses Grün würde er überall erkennen. Er wollte IHN ansprechen. Aber was, wenn er sich irrte? Nein, das konnte nicht sein.
„34 Pfund und 76 Pence.“
Draven versuchte so ruhig wie möglich zu klingen. Sein Gegenüber sollte seine Unsicherheit nicht spüren.
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Harry brauchte seine gesamte Selbstbeherrschung, um IHN nicht in seine Arme zu reißen. Er hatte ihn so sehr vermisst. Wie sehr, wurde ihm erst jetzt so richtig bewusst. Jede Faser seines Körpers schien sich nach einer Berührung zu verzehren. Selbst jetzt nach vier Jahren. Aber er musste ruhig bleiben. Langsam kramte er das Geld aus seiner Jackentasche und legte es schließlich auf den Tresen. Er wagte kaum IHM in die Augen zu schauen, denn dann könnte er sich nicht mehr beherrschen. Zu lange hatte er IHN nicht berühren können. Zu lange war es her, dass sie sich so nahe gewesen waren. Viel zu viel Zeit war vergangen. Er schrak aus seinen Gedanken auf, als sein Blick auf dem Namensschild hängen blieb.
D. Maddock
Die Initialen stimmten. Alles passte zusammen und doch stimmte hier überhaupt nichts. Harry nahm sein Wechselgeld sowie die Bonbons und sein Wasser und ging zu seinem Wagen. Nachdenklich setzte er sich hinter das Steuer, startete den Motor, legte den ersten Gang ein, fuhr bis zur nächsten Einfahrt und sprach einen Desillusionszauber. Das konnte kein Zufall sein. Er wartete und grübelte. SEIN Verhalten war seltsam. Fast so, als wenn ER nicht die Person wäre, für die Harry IHN hielt. Als wenn ER nicht Draco wäre. Aber das war ER. Da war sich Harry sicher. So sicher wie Dumbledore tot war. Aber warum erkannte ER ihn dann nicht? Fast schien es, als würde er sich nicht erinnern. Das würde Vieles erklären. Was aber, wenn ER ihn verlassen hatte? Was, wenn er einem Traum nachhing und er nichts mehr von ihm wollte? Wenn er ihm einfach nur ähnlich sah, so wie Adrian. Nein, es durfte nicht sein. Er liebte IHN noch mit jeder Faser seines Körpers. ER musste es einfach erwidern. Harry wusste nicht, was er sonst tun sollte.
Durch rasche Schritte wurde er aus seinen Gedanken gerissen. Der Mann seiner schlaflosen Nächte ging zügig die Straße hinunter. Harry überlegte nicht lange, stieg aus dem Wagen aus und folgte dem Braunhaarigen. Nach einiger Zeit kamen sie in eine kleine Siedlung von Einfamilien- und Reihenhäusern und es wurde neblig. Harry verlor IHN plötzlich aus den Augen. Als sich der Nebel wieder lichtete war der andere verschwunden. Harry sah sich nach allen Seiten um. Wieso hatte er IHM bloß keinen Ortungszauber aufgelegt? ER war wie vom Erdboden verschluckt.
„Mist“, grummelte er. Das war ja prima. Endlich fand er IHN und dann verschwand er spurlos. In seine Gedanken versunken, sah er sich die Häuser an. Jedes schien genauso auszusehen wie das danebenstehende. Und dennoch. Etwas war hier nicht richtig. Und dann fiel es ihm wie Schuppen von den Augen.
.oOo.
Draven schloss die Tür hinter sich und lehnte sich an die Wand. Wie er es bis in sein Zimmer geschafft hatte, wusste er nicht. Langsam glitt er an der Wand hinunter und hockte sich hin. Er zog seine Beine an und umschlang diese mit seinen Armen. Das konnte doch nicht wahr sein. Seit Wochen träumte er von diesem jungen Mann und nun stand er im Laden und er war nicht fähig ihn anzusprechen. Mit seiner rechten Hand fuhr er sich durch die Haare und löste das Band, mit dem sie im Nacken zusammengehalten wurden. Als er den Kopf schüttelte, fielen sie ihm ins Gesicht. Es tat gut. Dahinter konnte er sich verstecken und dennoch strich er die Strähnen wieder mit der Hand nach hinten und klemmte sie hinter seinem Ohr fest. Was war das vorhin gewesen? Diese Spannung, die in der Luft lag. Er konnte es nicht fassen. Er glaubte kaum, dass er IHN jemals wieder sehen würde. Warum auch? Sie kannten sich nicht. Aber diese Sehnsucht in ihm. Woher kam sie. Was, wenn sie sich doch kannten? Verwirrung machte sich in seinen Gedanken breit. Jede Faser seines Körpers kam ihm so bekannt vor. Er hatte auch die kleine Narbe am Kinn bemerkt, die beim Fall von einem Baum entstanden war.
Moment.
Woher wusste er das? Ja, er konnte sich ganz genau entsinnen.
Er hockte mit IHM zusammen auf einem alten Baum, einer Eiche, und sie beobachten ein Haus in der Nähe. Es wurde langsam dunkel als sie aufbrechen wollten. Beide zogen kleine Taktstöcke aus ihrer Hosentasche und glitten langsam den Ast hinunter. Dabei verhakte sich SEIN Bein im Geäst und nach einem Knacken streifte ER unsanft mit dem Kinn einen angebrochenen Zweig. Als sie sich am Boden stehend gegenüberstanden wischte er IHM mit seiner linken Hand das Blut, welches aus dem Schnitt hervortrat, weg und richtete den Holzstab auf die Wunde. ER schüttelte nur den Kopf.
„Nicht hier und jetzt. Wir müssen ins Haus. Du weißt, uns bleibt nicht viel Zeit“, sagte ER. Und ging an ihm vorbei, wobei sein Umhang sich aufblähte.
Was war das nur? Er sah die Szene genau vor sich und war sich dennoch nicht bewusst, dies jemals erlebt zu haben. Und wieder so ein Holzstab. Genauso einer wie in der Schatulle auf dem Kamin lag. Was hatte es damit auf sich? Und diese seltsame Kleidung. Draven schüttelte den Kopf. Es wurde langsam viel zu viel, was da auf ihn einströmte. Immer noch an die Wand gelehnt und zusammengesunken, wiegte er sich hin und her bis er in einen unruhigen Schlaf fiel.
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