Eine netter Abend
“Schuhuuuu…”
Eine weiße Schneeeule ließ sich auf der linken Schulter eines jungen Mannes nieder, der am Schreibtisch über Papieren gebeugt saß. Seine Haare waren schwarz mit hellen Spitzen. Endlich hatte gestern der Zauber zum Färben geklappt. Sein Kopf war ein reines Durcheinander, was sich jeder vorsichtigen Behandlung mit Bürste und Kamm widersetzte. Er richtete sich auf und sah den Vogel mit seinen grünen Augen an. Die Eule knabberte an dem Bügel seiner Brille. Langsam fuhr er mit seiner rechten Hand durch ihr Gefieder und angelte mit seiner linken nach einem Eulenkeks. Als sie ihm diesen aus der Hand riss, band er ihr den Brief ab, der an ihrem Bein befestigt war.
Hallo Harry,
ich bin diese Woche in der Stadt.
Wie wär’s mit einem netten Abend?
Nur wir beide.
In Liebe,
Ginny
Ginny… wie lange war das jetzt her? Er hatte sie seit mindestens einem Jahr nicht mehr gesehen. Sie war zwar auch wie er für das Ministerium tätig, jedoch als Aurorin und arbeitete mittlerweile in Florida. Hatte sie nicht da jemanden kennen gelernt? Harry kratzte sich am Kopf. Ja, Daenny, Danny, oder so ähnlich hieß er doch. Ob sie noch zusammen waren? Er würde es wohl bald herausfinden.
Hallo Ginny,
welches Restaurant hast du dir den heute ausgesucht?
Harry
Er wusste, sie hatte ein Gespür, wenn es um extravagantes Essen ging. Meist waren es Muggelrestaurants. Dies war ihm auch lieber. Selbst vier Jahre nach dem Fall Voldemorts war die Klatschpresse noch hinter ihm her. Der Tagesprophet würde schon in der Morgenausgabe mit den Spekulationen beginnen, wann er seiner Begleitung einen Heiratsantrag machen würde. Heiraten. Nein, er würde bestimmt niemals heiraten. Vor einem Jahr sah dies noch ganz anders aus. Doch dann kam alles anders. Er hatte alles gegeben und hatte alles verloren.
Am Abend trafen sie sich dann in Soho, dem Vergnügungsviertel von London, vor dem “Busaba”, einem thailändischen Edelrestaurant. Asiatische Küche war für beide etwas Besonderes und so wurden sie von dem Kellner an ihren Tisch geführt. Kaum dass sie die Speisekarte zur Seite gelegt hatten, erschien er schon wieder, um ihre Bestellung aufzunehmen.
“Darf ich für dich bestellen?”, fragte Harry.
“Meinetwegen.” Ginny grinste. Mal schauen, ob er sich meinen Geschmack gemerkt hat.
“Die junge Dame möchte gern Khao Pad Talee als Hauptgang und Som Loy Gäo zum Dessert haben”, fuhr Harry an den Ober gewandt fort.
Alle Achtung, er hat an die Meeresfrüchte gedacht und die Orangen sind auch nicht zu verachten.
“Und ich würde gern-”
Ginny fiel ihm ins Wort.
“Gad Pad Prian Wan.”
Harry sah sie erstaunt an. “Und was meinst du, welches Dessert ich mir ausgesucht habe?”
“Khao Nian Muun Mamuang”
“Haben Sie noch einen Wunsch?”, fragte der Ober lächelnd.
“Nein”, sagten Ginny und Harry gleichzeitig und sahen sich dabei in die Augen. Die Bedienung zog sich diskret zurück.
“Immer noch seelenverwandt?” Harry schüttelte den Kopf. “Es gibt sonst kaum jemanden, der so genau sagen kann, was ich essen möchte. Aber nun erzähl von dir und was treibst du in Florida?”
“Du weißt doch, ich darf da nicht viel erzählen.”
Harry hob eine Augenbraue. “Ich meine nicht deine Arbeit.”
Ginny wurde rot. Die Finger ihrer rechten Hand wanderten zu dem Ringfinger der linken, der von einem schlichten Ring aus Weißgold geziert wurde. In einer einfachen Fassung war ein Brillant eingelassen.
“Verlobt?”
“Ja”, hauchte Ginny mehr, als dass sie es sagte.
“Dann erzähl von deinem Glückspilz.”
“Er heißt Dean”, begann sie zu erzählen. Nach gut einer Stunde und dem Hauptgang wusste er fast alles, was sie im letzten Jahr erlebt hatte.
“Und was ist mit dir und Adrian”, fragte Ginny.
Harrys fröhliches Gesicht wurde schlagartig ernst.
“Nichts.”
“Wie nichts? Ich dachte, ihr wolltet zusammenziehen, als ich euch das letzte Mal sah.”
Harry schüttelte den Kopf. “Es hat nicht sollen sein.”
Ginny merkte, dass sie bei diesem Thema auf Granit stieß und aß die eingelegten Orangen.
“Wie wäre es, wenn wir gleich noch ins Fridge gehen?”
Ja, mal wieder tanzen, ging es Harry durch den Kopf. Nur die Musik und er, wie lange war es her? Noch vor Adrian.
Harry schüttelte den Kopf und versuchte die Gedanken loszuwerden.
“Du willst nicht?”, fragte Ginny erstaunt.
“Doch. Sorry, ich war noch etwas in Gedanken. Fridge ist eine gute Idee.” Harry ließ die restliche Mango stehen und winkte den Ober herbei.”Du kannst es nicht lassen.”
“Jep.” Harry grinste. “Dein Vater hat auch nicht viel verändert.”
“Weiß Mum davon?”
Harry schüttelte den Kopf und hielt ihr die Beifahrertür seines schwarzen ’69 Mustangs offen.
Ginny musste schmunzeln und ihre Gedanken gingen fast zehn Jahre zurück, als ihr Bruder Ron und Harry mit dem Ford Angelina ihres Vaters nach Hogwarts flogen. Der anschließende Heuler war der sSchlimmste, den ihre Mutter jemals verschickt hatte.
“Wohin muss ich fahren?”
“Brixton Hill”
Schon nach einer Viertelstunde waren sie am Fridge angekommen. Harry ging direkt zur Tanzfläche und begann sich langsam mit den Beats zu bewegen. Immer mehr zogen die Bässe ihn in eine Trance. Er kam sich so frei vor. Alle Gedanken waren vergessen. Es existierte nur noch die Musik in seinem Kopf. Es war lange her, dass er sich so hatte gehen lassen. War es nicht auch mit Ginny gewesen? Ja, fast nur mit ihr ging er tanzen. Nun ja, er ging tanzen und sie ging flirten. Jetzt wohl nicht mehr. Wollte sie ihn nur mal wieder unter Leute bringen? Steckte vielleicht Hermine dahinter? Zu zutrauen wäre es ja beiden. Er ließ seinen Blick über die Tanzfläche wandern. Bei einem Gogotänzer blieb er haften. Weiche, helle, fast elfenbeinfarbene Haut, soweit man diese Farbe unter der Discobeleuchtung ausmachen konnte, riefen Erinnerungen wach. Die langen braunen Haare reichten ihm fast bis zur Hüfte. Zwischen den Strähnen schimmerte immer wieder eine Tätowierung durch, die sich zwischen den Schulterblättern befand. Mit dem letzten Takt der Musik drehte sich der Tänzer um und sah ihm direkt in die Augen. Harry erstarrte. Im nächsten Moment wurde er von einem Scheinwerfer geblendet. Als sich seine Augen wieder an das Licht gewöhnt hatten, war der Tänzer verschwunden. Er starrte wie gebannt auf das Podest, wo er eben diesen jungen Mann beobachtet hatte. Nur langsam drang der Klang der Musik zu ihm durch. Er löste sich langsam aus der Starre und begab sich in Richtung Bar. Mit einer Cola und einem Glas Apricot Lady ging er auf die Suche nach Ginny. Schon nach kurzer Zeit fand er sie zurückgezogen in einem Sessel in einer Nische.
“So allein, schöne Frau?”, flüsterte Harry ihr ins Ohr und reichte ihr den Cocktail.
“Oh, danke, schon ausgepowert?” Sie sah zu ihm auf und merkte, dass irgendetwas nicht stimmte.
“Hast du einen Geist gesehen?”
“So könnte man es sagen.” Mit diesen Worten stellte er sein leeres Glas auf den kleinen Tisch, gab Ginny einen Kuss auf die Wange und ging wieder Richtung Tanzfläche. Nur hin und wieder holte er sich eine Cola. Und immer hatte er die Podeste der Gogotänzer im Blick. Nur der junge Mann tanzte nicht mehr.
Früh am Morgen setzte Harry Ginny bei Hermine und Ron ab und fuhr zurück zum Grimmauld Place.
Im Salon stand eine Tasse Tee, als er eintrat.
‘Dobby, Dobby’, ging es Harry durch den Kopf. ‘Er weiß fast immer, was ich brauche.’
Er setzte sich in den großen Ohrensessel am Kamin und ließ die vergangenen Stunden Revue passieren. Es tat gut, mal wieder raus zu kommen, unter Leuten zu sein, herzhaft zu lachen. Er musste an ihr verschmitztes Lachen denken.
“Ja”, sprach er und schüttelte den Kopf. Hermine und Ginny hatten ihn reingelegt. Ihr Besuch war kein Zufall. Seit wann verkroch er sich? Fast ein Jahr war es her, dass Adrian ihn verlassen hatte. Seitdem zog er sich immer mehr zurück. Der Gedanke an seinen ehemaligen Geliebten versetzte ihm immer noch Stiche ins Herz. Zu tief saß der Schmerz, die Enttäuschung, die Zurückweisung. Und Ginny hatte es endlich geschafft, dass er aus seinem Schneckenhaus herauskam.
Sollte er nicht endlich mit der Vergangenheit abschließen?
Langsam zollte der lange Abend seinen Tribut und er schlief ein.
Vorsichtig schlich sich die Schlange an den schlummernden Löwen heran. Als sie sich langsam aufrichtete, wachte er auf und sprang zurück. Die Schlange ließ nicht ab und versuchte immer wieder, in die Nähe des Löwen zu kommen.
Dieser schlug mit seinen Pranken nach der Schlange. Sie schnellte empor und schlang sich um den Hals des Löwen. Ihr Maul öffnete sich, als plötzlich ein lauter Schrei erklang und Krallen nach der Schlange griffen und sie vom Löwen rissen.
Harry schrak auf und merkte, dass sein Rücken schmerzte. Er musste wohl kurz nach dem Tee eingenickt sein. Eine warme Decke lag auf seinen Beinen und die Tasse war verschwunden.
‘Ach, Dobby, was würde ich nur ohne dich machen?’
Warum war er eigentlich aufgeschreckt? Ja, da war ein Traum. Eine Schlange und ein Löwe, die miteinander kämpften. Die Schlange schien den Kampf zu ihren Gunsten zu entscheiden, als sie plötzlich weggerissen wurde.
Wodurch konnte Harry nicht mehr sagen. Was war das? Krallen, ja, die konnte er noch erkennen. Aber mehr nicht. Nein, eigentlich wollte er sich an diesen Alptraum nicht mehr erinnern, allerdings hatte er das Gefühl, dass da mehr dahinter steckte.
***
Ein Löwe und eine Schlange kämpften verbissen gegeneinander. Die Schlange versuchte immer wieder, den Löwen zu attackieren, dieser verteidigte sich nur und griff nicht an. Die Schlange schaffte es endlich, sich um den Hals des Löwen zu legen und machte sich für den tödlichen Biss bereit. Ein lauter Schrei ereilte die Kämpfenden und ein silberner Drache stieß aus den Wolken herunter, packte die Schlange mit seinen Krallen und riss sie von dem Hals des Löwen. Sie wand sich aus den Klauen heraus und verließ das Schlachtfeld. Der Löwe blickte den Drachen dankbar in die Augen.
Wieder sah er die smaragdgrünen Augen und könnte darin versinken. Ein Löwe mit so glänzenden grünen Augen ist schon etwas Sonderbares. Die gleichen grünen Augen wie gestern im Fridge, kurz bevor er mit seiner Schicht fertig gewesen war.
Ein Blick auf die Uhr an seiner Nachtkonsole sagte ihm, dass es schon auf Mittag zuging. Langsam richtete er sich auf.
Die Jalousie ließ das Sonnenlicht nur gedämpft durch. Es schien heute ein schöner Tag zu werden. Es war ja immerhin auch Sommer.
Nachdem er aus dem Bad kam, brauchte er nur dem Kaffeeduft zu folgen, um in die Küche zu gelangen.
“Morgen, Mum.”
“Hallo, mein Schatz. Du warst die Nacht spät zu Hause. Ich hab mir Sorgen gemacht.”
“Ach, Mum, das brauchst du nicht, ich musste mir nur ein wenig die Beine vertreten”, sagte er und seine Gedanken wanderten wieder zu den smaragdgrünen Augen. Er kannte sie. Er wusste, dass es etwas in seiner Vergangenheit gab.
Nur was? Auch die Tätowierung zwischen den Schulterblättern. Seine Mutter meinte, dass er sie sich nach einer durchzechten Nacht hatte stechen lassen. Aber wieso gerade dieses Motiv. Einen Drachen und einen Löwen. Wie in seinem Traum. Was hatte das nur zu bedeuten? Der Löwe und die grünen Augen standen im Zusammenhang. Wie sollte er herausfinden, warum? Würde er die Augen jemals wieder sehen?
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