Kapitel 5 – Gespräche
Unzufrieden schob Scorpius die Pergamente hin und her, die auf seinem Tisch verteilt lagen und sich immer wieder zusammen rollten. Seine rechte Hand fuhr unwirsch durch die Haare, griff hinein und zerwühlte sie so.
So sehr sich das Ministerium auch bemühte, es waren kaum genauere Informationen über Blaise Zabini bekannt. Er hatte von einem Vermögen gelebt, dessen Ursprung von niemandem in Erfahrung zu bringen war. Einer regelmäßigen Arbeit war er jedenfalls nicht nachgegangen und seine Mutter lebte im Ausland, wie man munkeln hörte, auf Kosten diverser greiser Playboys. Er war auf den Partys der Upperclass ein häufig gesehener Gast, doch über sein Privatleben wurde sich ausgeschwiegen. Trotz seines Todes schwiegen die meisten Zauberer und Hexen und wollten auch kaum mit ihm in Verbindung gebracht werden. Es schien ein Tabu über den Namen Blaise Zabini zu liegen.
Das Leben des Blaise Zabini war ein Buch mit sieben Siegeln. Scorpius schloss die Augen. Er wusste, welchen Schritt er als nächstes tun musste, und doch er zögerte. Er mochte es nicht, Privates und Berufliches zu vermischen, allerdings gab es keinen anderen Ausweg; nicht, wenn er in dem Fall vorankommen wollte.
Scorpius massierte sich die Schläfen und seufzte beinahe auf. Als er aufsah, fiel sein Blick auf die Zeiger der Wanduhr. Seit einer viertel Stunde zählte sie nun schon den neuen Tag. Wenn er jetzt eine Eule losschicken würden, würde er wohl einen Kopf kürzer gemacht werden. Aber das Risiko war er bereit einzugehen.
Nicht wirklich etwas auf den Pergamenten erkennend starrte er auf seinen Schreibtisch. Er würde wie auch die Nächte zuvor in dieser Nacht kaum Schlaf finden. Vor allem nicht vor diesem Gespräch. Und da er erahnte, das seinem Gesprächspartner nicht anders erging, nahm er entschlossen die Adlerfeder aus ihrer Halterung und riss eine Ecke von einem Pergament. Nur wenige Worte schrieb er hektisch nieder.
Nervös biss sich Scorpius auf die Unterlippe. Er wusste, dass er eigentlich viel zu viel erwartete, jedoch, blieb ihm eine andere Wahl? Es war nur eine halbe Stunde vergangen, seit dem er die Eule losgeschickt hatte.
Er schluckte, als er die Klinke nach hinunter drückte, spürte sofort, wie der Zauber reagierte und ihn die Tür problemlos öffnen ließ. Er war also noch wach. Wie erwartet.
“Schließ die Tür hinter dir”, hörte er eine vertraute Stimme, die ihn aus seinen Gedanken holte. Verwundert stellte Scorpius fest, dass er schon das Zimmer betreten hatte und war sich doch sicher keinen einzigen Schritt gegangen zu sein. Er ließ sich Zeit, versucht sein Innerstes zu beruhigen, seine Gelassenheit wieder zu finden, während er sich auf den freien Ledersessel am Kamin niederließ. Er nahm dankbar das dargebotene Glas und konnte ein erleichtertes Seufzen nicht unterdrücken, als die Flüssigkeit sich ihren Weg in seiner Kehle hinab brannte. Ein wohliges Gefühl breitete sich in seinem Magen aus. Minutenlang war nur das Knistern des Feuers zu hören, in das Scorpius durch sein halbvolles Glas schaute.
“Wie war er?”, fragte Scorpius schließlich.
Wieder Stille. Ein Holzscheit knackte, brach entzwei, wirbelte Funken auf.
“Eitel, arrogant, diskret. Slytherin halt.”
Scorpius schüttelte sachte den Kopf und schwenkte sein Glas hin und her. Der Whiskey schwabte leicht hoch und lief zäh an der Wand des Glases wieder hinab.
“Du weißt, dass ich dich für so eine Antwort niemals gefragt hätte”, sagte er schließlich. “Schon gar nicht um diese Zeit.”
Schweigen.
“Ist er es wert?”
“Sonst wäre ich nicht hier.”
“Wie viel?”
“Alles.”
“Es wird einen Skandal geben.”
Schweigen.
“Und du meinst, dein Vater sieht dem tatenlos zu.”
“Ich hoffe nicht.”
“Du verlangst sehr viel.”
“Er wird es überleben.”
Scorpius Mundwinkel zuckten leicht nach oben.
“Er nutzte jede Gelegenheit die sich ihm bot. Er hatte mehrere … hmm, nennen wir es einfach Arrangements. Schon während des letzten Jahres in Hogwarts. Und auch davor, doch … ach lassen wir das.” Scorpius hörte das Schmunzeln förmlich aus den Worten heraus. “Er wäre wohl auch nicht durch die Prüfungen gekommen, hätte er die ein oder andere Vereinbarung nicht getroffen.”
“Das bringt mich aber nicht wirklich voran.”
Scorpius spülte mit dem letzten Schluck aus dem Glas seinen Frust hinunter.
“Aber vielleicht das.”
Scorpius nahm das dargebotene Pergament entgegen und rollte es vorsichtig auseinander.
“Du hast alles …”
“Selbstverständlich. Jeder Slytherin nutzt die Chancen, die sich ihm bieten.”
Scorpius las weiter. Er musste schwer schlucken.
“Wie bist du? Nein, ich will es eigentlich nicht wissen.”
Scorpius Augen flogen regelrecht über das Pergament, sogen jede Zeile in sich auf.
“Innerhalb von einem Tag wird die Schrift sich auflösen.”
***
“Dich hab ich ja lange nicht gesehen.”
Genervt blickte Albus auf.
“Was machst du hier?”
“Nach was sieht es wohl aus?”
Giftig blickte Albus den Mann im Türrahmen an.
“Geräumig ist es ja nicht gerade, aber es wird dir doch genügen.”
“Was ist Nott?”, knurrte nun Albus regelrecht. Mit seinen Händen hatte er das dürre Lattenrost am Rande seines Bettes umschlungen. Seine Handknöchel waren schon weiß.
“Hey, nichts so heftig. Ich war in der Nähe und dachte, ich könnte einen alten Schulfreund besuchen.”
Beschwichtigend hob Nott die Arme und stieß sich vom Türrahmen ab.
“Erzähl mir nicht, dass du aus reiner Nächstenliebe hergekommen bist. Wen hast du diesmal um den Finger gewickelt?”
Ein süffisantes Lächeln umspielte die Mundwinkel von Nott.
“Was denkst du denn?”
Nott sah leicht verträumt in die Luft.
“Lange blonde Haare, graublaue Augen. Nott sah zu Albus, sah wie es in dessen Innersten tobte, während er immer näher kam, ihm in die Augen sah.
“Wunderbar lange Finger, die genau wissen, wie man einen Mann verwöhnen muss.” ,hauchte er schließlich in das Ohr von Albus.
Wütend sprang Albus auf, stieß Nott dabei von sich, so dass dieser rückwärtsstolpernd das Gleichgewicht verlor.
“Hey, nicht so stürmisch”, sagte Scorpius Malfoy, als er die Zelle betrat und geistesgegenwärtig Nott auffing.
Albus selbst war in seiner Bewegung erstarrt, sah mit offenem Mund immer wieder zwischen Scorpius und Nott hin und her.
“Und nun”, sprach Scorpius weiter, nachdem er Nott geholfen hatte, sich wieder aufzurichten. “gehst du.” Er drehte ihn an den Schultern zur Tür und schob ihn sanft hinaus. Als Scorpius die Tür schon schließen wollte, wandte sich Nott noch einmal um und streifte mit seinen Lippen die Wange von Scorpius.
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