Erinnerungen

Posted by: Viviannein
26
Dez

Kapitel 8 – Erinnerungen

Die ersten Sonnenstrahlen durchbrachen die Finsternis. Erschöpft und doch erleichtert begrüßte Albus den nahenden Tag. Jede Nacht brachen Alpträume über ihn herein, ließen ihn erschaudern, so dass er die meisten Nächte wach da lag, in der Hoffnung, so dem trostlosen Dahinvegetieren etwas zu entkommen. Er war froh, als seine Mum ihm Bücher gebracht hatte; so versuchte er immer wieder sich abzulenken, was ihm jedoch nicht so recht gelingen wollte. Immer wieder fiel er beim Studieren der Lektüre in einen unruhigen Schlaf, sah das Blut an seinen Händen im fahlen Mondlicht schimmern. Und jedes Mal wusch er seine Hände. Unaufhörlich stand er Nacht für Nacht am Wasserbecken und rieb sich die Hände mit der Seife ein; ließ das eiskalte Wasser über die Haut laufen und hoffte, endlich diese Blut abzustreifen, das ihn wie eine zweite Haut vorkam und so sich niemals von ihm lösen würde.

Sachte betastete er seinen Handrücken, spürte die aufgerissene Haut trotz der blanken Fingerkuppen. Unwillkürlich starrte er auf seine Hände und sah sie dennoch nicht. Jeder Handgriff glich einem Griff in einen Haufen von feinsten Glassplittern. Und er wusste, dass ihm hier in dieser Zelle ihm keine Magie helfen konnte. Er wollte es auch nicht, er weigerte sich die Salben und Tränke, die sein Vater ihm zur Linderung anbot, zu nehmen. Durch nichts und niemanden wollte er eine Linderung erfahren. Stattdessen labte er sich an seinem Schmerzen, zumal sie denen seines Herzens nicht unähnlich waren. Immer wieder sah er Nott vor sich, wie er zurücktaumelte und in die Arme von Scorpius fiel, wie er sich auffangen ließ, als wären sie vertraut miteinander, und dann dieser Kuss, dieser alles in Frage stellende Kuss. Er sah noch, wie Scorpius sich irritiert über die Wange strich, doch glaubte er nicht, dass dies der erste Kuss gewesen war, den beide teilten. Oh nein. Und dabei hatte er, Albus, in seinem Innersten gehofft, dass ihre losen Treffen sich irgendwann festigen konnten, dass sie es schaffen würden, zueinander zu kommen.

Schmerzhaft erinnerte es sich, wie sie sich erst immer nur zufällig getroffen hatten ehe sie sich zu verabreden begannen. Immer wieder trafen sie sich spät abends, meist in Muggelrestaurants oder auch in verschiedenen Diskotheken. Beide achteten darauf, nicht zu eng beieinander gesehen zu werden. Obwohl sich Albus mehr als einmal gewünscht hatte, wenigstens einen Kuss mit Scorpius in der Öffentlichkeit zu erhaschen. Doch da …, da kam ihm seine Unsicherheit dazwischen. Wie bitte hätte er der Meute der Reporter erklären sollen, dass er, Albus, der Sohn von Harry Potter, dem Retter der Hexen und Zauberer, also dass er schwul sein sollte. Verdammt noch mal. Er hatte eine Heidenangst vor diesen raffgierigen Mäulern, die nur darauf aus waren, etwas über den Potterclan herauszufinden und dann auszuschlachten. Und Albus war gewiss nicht jemand, der dies so ohne weiteres durchstehen konnte.

Er war viel zu naiv und auch froh über die Familie, die er hatte, als dass er seinen Eltern Ärger, in welcher Art auch immer, bereiten wollte. Er hatte sich nicht mal getraut, sich seinen Eltern anzuvertrauen, wie hätte es dann durch einen Skandal erst werden sollen. Und nun …, nun war es sowieso egal.
Fahrig strich er über seine Hand, zuckte bei der Berührung zusammen.
Alle Welt sprach über ihn. Er, der aus, aus was eigentlich? Welches Motiv wurde ihm überhaupt vorgeworfen? Welchen Grund sollte er gehabt haben, dass er Blaise Zabini erstochen haben sollte? Dieser schmierige Alte; Albus schauderte, als er an den Abend zurück dachte und daran, wie dieser Zabini ihn bedrängt hatte, wie er ihn mehrfach angesprochen hatte und eine klare Absage einfach nicht akzeptierte.

Erneut schüttelte es Albus, als er an die langen, beinahe spinnenartigen Finger dachte, die sich an dem Abend mehrfach auf seinem Oberschenkel niedergelassen hatten. Wie sie sachte zugriffen, sich auf seinen Po legten, ihn einfach nicht in Ruhe ließen. Und als es zu viel wurde, da, ja da schrie er ihn an, stritt sich, wobei Zabini dies für sich zu nutzen schien und versuchte ihn mit einem Kuss den Mund zu verbieten. Unfähig, sofort zu reagieren, stand er stocksteif da. Erst nach einer schieren Ewigkeit machte es klick bei ihm und er stieß Zabini von sich. Angeekelt wischte er sich den Mund ab und rannte auf die Toiletten. Er war froh, dass ihm Zabini dorthin nicht folgte und so versuchte er, als er wieder zur Bar ging und Zabini nicht mehr sehen konnte, den schalen Geschmack mit so viel Bier und anderem Alkohol wie möglich zu verdrängen.

Er hatte die Augenblicke zu hassen gelernt, wenn die Erinnerungen an jenen Abend sich vor seinem inneren Auge anfingen abzuspielen. Nur wenige Stunden nach seinem ersten Verhör hatte es angefangen. Jobberknoll konnte durchaus helfen, verdrängte Erinnerungen zurückzuholen. Die Wahrscheinlichkeit tendierte allerdings nahezu gegen null. Doch warum musste dies ausgerechnet bei ihm zutreffen? Er wollte liebend gern ohne diese Erinnerungen weiterleben.

Ein Knarren riss Albus aus seiner Starre. Krampfhaft suchte er einen Punkt an der Decke, versuchte nicht zur Tür zu sehen. Ein wohl bekannter Duft breitete sich in der sterilen Kammer aus. Ließ Erinnerungen wach werden, vor denen sich Albus hastig verschloss. Eine Bewegung ließ Albus gewahr werden, dass sich sein Besucher auf seiner Pritsche niedergelassen hatte.

„Können wir reden?“

Albus antwortet nicht, starrte stumm an den Fleck über seinem Bett.

„Albus.“ Eindringlich bahnte sich Scorpius Stimme seinen Weg. „Albus, wir müssen reden.“

Ungehalten richtete sich Albus auf und sah Scorpius wütend an.

„Ich wüsste nicht, worüber wir reden sollten.“

Scorpius schloss für einen Moment seine Augen und atmete tief ein.

„Was ist an dem Abend passiert?“

„Wie, das interessiert dich? Du, du…“, Albus sprang gehetzt auf, versuchte so viel Abstand wie möglich zwischen sich und Scorpius zu bringen.

„Albus“, Scorpius schüttelte den Kopf. „Albus, dir ist bewusst, wo du bist?“

„Klar“, schrie Albus ihn an. „Ich bin in einem Fünf-Kometen-Hotel und nächtige in der Minister-Suite. Jeden Morgen bekomme ich Frühstück ans Bett und das Stubenmädchen erfüllt jeden meiner intimsten Wünsche. “

„Albus“, erschrocken sprang Scorpius auf und fing an Albus an den Schultern zu schüttelnWie von Sinnen riss sich Albus los, und drückte sich in die gegenüberliegende Ecke, wie ein geschlagenes Tier.

„Fass mich nicht an“, fauchte er den Auror schon beinahe an. „Fass mich nicht an, geh. Geh. Geh“, schrie er regelrecht.

Scorpius taumelte zur Tür, unfähig in irgendeiner Weise zu reagieren.

„Geh zu Nott“, murmelte Albus.

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