Kapitel 4 – Abgründe
Düster hingen die Wolken, als zwei Männer vor den Toren des riesigen Herrenhauses wie aus dem Nichts erschienen. Terry Boot und Scorpius Malfoy waren direkt in ein heftiges Sommergewitter appariert. Fluchend sprach der ältere Auror einen Zauber und das Wasser teilte sich über ihnen um sie zu umfließen. Scorpius schüttelte seine Haare etwas, ehe er sie beide mit einem weiteren Zauber trocknete.
Zwei, sich gegenüber stehende und in einander verschlungene, eindeutig männliche, Körper waren die Griffe, die Terry Boot nur widerwillig anfasste um das schmiedeeiserne Tor zu öffnen. Er hatte das Gefühl, dass die Figuren unter seinen Händen lebendig wurden, während er das Portal aufschob. Er glaubte ein Stöhnen zu vernehmen und ließ angeekelt das Tor los; stampfend beinahe rennend hetzte er den mit weißem Kies bedeckten Weg hinauf zu dem Herrenhaus.
Kopfschüttelnd folgte Scorpius dem älteren Auror, der sich von quietschenden Scharnieren so verunsichern ließ und mittlerweile ungeduldig vor dem Eichenportal wartete. Scorpius beeilte sich und hatte Terry Boot erreicht, als dieser den Klopfer an der Tür anhob und fallen ließ, um sie anzukündigen. Als dieser wieder gegen die Tür schlug, konnte man fast meinen, das Haus erzittere in seinen Grundfesten, jedoch war von innen nur ein liebliches Vogelgezwitscher zu vernehmen. Nach nur wenigen Augenblicken wurde die Tür geöffnet und Terry Boot fiel in Ohnmacht. Geistesgegenwärtig fing Scorpius seinen Kollegen auf, ehe dieser mit der Marmortreppe Bekanntschaft schließen konnte. Eifrig half ihm die Haushälterin, den Auror in das Haus zu tragen. Erstaunt über die Stärke der Hausbediensteten unterzog Scorpius diese einer genaueren Musterung.
Die Haare waren fein säuberlich zu einem Dutt hochgesteckt, das weiße Häubchen daran befestigt. Die Stirn war glatt, beinahe faltenfrei. Die Braunen, oberhalb der Augen, wirkten ebenmäßig; kein Härchen zu viel. Die Wimpern waren lang und tiefschwarz, umrahmten die braunen Augen. Die hohen Wangenknochen waren leicht mit Rouge überzogen, wirkten dennoch dezent. Scorpius senkte seinen Blick weiter über den schmalen, rot geschminkten Mund über das Kinn hinab zu dem Hals. Dort fiel es ihm auf. Der Adamsapfel war ausgeprägt, drückte sich gegen die Haut. Fasziniert betrachtete er die Person vor sich intensiver und konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
Scorpius zwang seine Mundwinkel wieder hinab, als er Terry neben sich vernahm. Anscheinend war der Auror aus seiner Ohnmacht erwacht und, wie Scorpius nun sah, hatte die Haushälterin, oder wer immer das auch war, mit einem Scotch nachgeholfen.
“Mister Boot”, fragte Scorpius besorgt, “geht es Ihnen gut?”
Doch der Terry Boot beachtete den jungen Mann nicht, richtete sich stattdessen auf und fuhr die Haushälterin rüde an.
“Was sollte das? Wer sind Sie überhaupt?”
“Andrea Mugnaio, Mister…?”, erwiderte die Haushälterin mit fester Stimme.
Doch der Auror überging die Frage, während Scorpius seinen Kopf kurz neigte und sich und seinen Kollegen vorstellte.
“Hier wohnte doch Mister Zabini?”, begann Terry Boot seine Befragung ungehalten.
Andrea Mugnaio nickte.
“Hatte er …” Terry zögerte, zwang sich und konnte die nächsten Worte doch nicht aussprechen.
“Was Mister Boot wissen möchte, empfing Mister Zabini regelmässig männlichen Besuch?”, ergänzte Scorpius. “Besuch, der, sagen wir mal, etwas delikater Natur gewesen wäre.”
Die rechte Augenbraue von Andrea Mugnaio hob sich etwas und mit einem diskreten Lächeln nickte sie.
“Jeden Mittwoch gab der Herr ein kleines Dinner.”
“Wechselten die Gäste?”, fragte Scorpius nach während Terry sich im Salon, in dem sie sich befanden, umsah. Immer wieder blieb er halb erstarrt vor einzelnen Kunstgegenständen stehen, sträubte sich regelrecht, etwas davon näher zu betrachten. Fahrig blätterte er die Illustrierten durch, die auf einem kleinen Beistelltisch zwischen dem dreisitzigen Sofa und dem Canapé lagen.
“Zwei drei neue Gesichter waren immer dabei, doch hauptsächlich waren immer die gleichen Herrschaften geladen.”
“Und?” Scorpius sah die Haushälterin erwartungsvoll an, die seinen Blick jedoch starr erwiderte.
“Diskretion wurde im Hause Zabini immer hoch geschätzt.”
“Miss Mugnaio, Ihr Herr wurde ermordet in einer Gasse aufgefunden. Wir müssen rekonstruieren, mit wem er sich innerhalb seiner letzten Woche getroffen hat”, redete Scorpius Malfoy eindringlich auf die Haushälterin ein.
“Mister Malfoy, die Herrschaften würden es nicht gern …” Liebliches Vogelgezwitscher erklang und Andrea Mugnaio verbeugte sich kurz. “Sie entschuldigen?”, fragte sie, ehe sie, ohne auf eine Erwiderung zu warten, den Salon verließ um das große Eichenportal zu öffnen.
“Miss Parkinson”, hörte Scorpius den verwunderten Ausruf der Haushälterin, die auch schon unsanft zur Seite geschubst wurde, wie er nun erkennen konnte, als er im Schatten der Tür zum Flur stand.
“Miss Parkinson, Sie dürfen da nicht entlang.”
Rigoros trat die Haushälterin der Frau, die sich den Weg die Treppe hinauf zur Empore bahnte, in den Weg.
“Miss”- sie betonte dieses Wort voll Ekel “Sie werden sich mir nicht in den Weg stellen. Ich werde das Erbe für Mathew bekommen.”
“Miss Parkinson, der Herr hat Ihnen den Zutritt untersagt”, verharrte die Haushälterin auf dem Treppenabsatz und trat nicht einen Schritt zurück, auch als sie einen Zauberstab an ihrem Hals spürte. Nur wenige Augenblicke später wurde die Hand der Angreiferin in die Höhe gerissen und der Zauberstab flog in einem hohen Bogen aus der noch immer offenen Haustür hinaus.
Fluchend rieb sich Miss Parkinson die Hand und verließ erbost das Haus.
Zügig zog sich Scorpius zurück und betrachtete gelangweilt ein Bildnis des Hausherrn oberhalb des Kamins.
“Verzeihung, mildtätige Organisationen fragen immer wieder nach einer Spende, seit dem der Herr diese Gefilde verlassen hat.”
Diese offensichtliche Lüge ignorierend bat Scorpius Andrea Mugnaio ihnen die Räumlichkeiten des Herrn zu zeigen. Nachdem er mit Nachdruck darauf hingewiesen hatte, dass sie auch innerhalb von nur wenigen Stunden mit einem Durchsuchungsbeschluss des Ministeriums erneut vor der Tür stehen würden und dabei keine Rücksicht auf die Tageszeit machen würden, gab die Haushälterin nach und führte sie in das angrenzende Arbeitszimmer.
Scorpius sah sich um, bemerkte wie Terry Boot langsam hinterher trottete. Der ältere Auror hielt zu allen möglichen Gegenständen, die auf dem Weg zu dem Durchgang zum Arbeitszimmer lagen, möglichst viel Abstand. Ganz so, als könne ihn eines anspringen oder ähnliches tun. Wobei, auszuschließen war dies nicht, befanden sie sich doch in dem Wohnhaus eines Zauberers, der, mochte man den Gerüchten Glauben schenken, sich gern mit schwarzmagischen Skulpturen oder Gemälden umgab.
Sich an seine Ausbildung erinnernd, nahm Scorpius zuerst den Gesamteindruck des Raumes in sich auf. Über dem Kamin hinter dem Schreibtisch hing ein monströses Gemälde, dass Blaise Zabini auf einem antiken Ohrensessel sitzend zeigte. In aller Ruhe ließ die gemalte Person immer wieder Ringe aus Rauch aus der länglichen Pfeife aufsteigen. Scorpius neigte kurz den Kopf vor dem Bildnis, während Terry Boot, der dies mitbekam, nur schnaubend den Kopf schüttelte. Etwas missmutig schürzte der gemalte Blaise Zabini die Lippen, blickte fortan stoisch auf einen entfernten Punkt oberhalb im Raum und lehnte sich in den mit Leder bezogenen Sessel zurück, so dass man nur noch die Pfeife hinter der Sessellehne hervor lugen sah.
Scorpius wandte seinen Blick ab und betrachtete die riesige Schreibtischplatte aus italienischem Marmor. Gut sortiert lagen die Pergamente auf der Lederunterlage, die präzise in den Stein eingefügt worden war. Am Kopfende dieses Monstrums war eine Vertiefung eingearbeitet, in der eine Feder aus den Flügeln eines Schwanes lag. Das Tintenfass stand verschlossen daneben. Alles war Akkurat angeordnet. Kein Staubkrümel lag im Weg. Drei etwas dickere Folianten standen zwischen zwei Buchstützen auf der rechten Seite. Links prangte ein Portrait von Eleonore Dolores Zabini, wie sie gönnerhaft zum dem Maler blickte und sich kaum rührte. Doch wenn man genau hinsah, konnte man sehen, wie ihre Augen aufmerksam jede Bewegung außerhalb ihres Bildnisses verfolgte.
Die marmorne Platte war auf zwei Pfeilern aus Basalt gelegt. Weder eine Schublade noch ein irgendwie geartetes Fach waren zu sehen. Selbst ein Geheimfach schloss Scorpius aus, nachdem er Das Gestein näher betrachtete hatte. Vorsichtig nahm er jeden Folianten vom Schreibtisch um darin zu blättern, jedoch wurde kein Mechanismus für ein Geheimfach ausgelöst, wie er erhofft hatte.
Scorpius trat etwas zurück, sah aus den Augenwinkeln, wie Terry Boot die Wände in Augenschein nahm, die mit halbgefüllten Bücherregalen und diversen Gemälden dekoriert waren. Ihm gefiel das hier nicht. Etwas kam ihm verkehrt vor.
“Miss Mugnaio, ist dies das einzige Arbeitszimmer von Mister Zabini?”, fragte Scorpius Malfoy.
Entrüstet trat die Haushälterin auf den jungen Auror zu.
“Mister Malfoy, was unterstellen Sie?”, begehrte Andrea Mugnaio auf.
“Miss Mugnaio, ich unterstelle Ihnen nichts”, erwiderte Scorpius Malfoy beschwichtigend. “Nur ist mir bekannt, dass Mister Zabini das ein oder andere Arrangement getätigt hat. Doch weder ist hier eine Sitzgelegenheit für denjenigen, den dieses Arrangement betrifft, noch deutet der Stuhl des Hausherren darauf hin, dass er hier des Öfteren gesessen hatte. Miss Mugnaio, ich sagte Ihnen schon vor wenigen Augenblicken, dass wir auch mit einer Vollmacht des Ministeriums samt eines kompletten Aurorenkontigent hier erscheinen können. Ich denke, dass dies weder in Ihrem noch im Interesse von Mister Zabinis Andenken sein dürfte.”
“Miss Mugnaio”, widerwillig spie Terry Boot diesen Namen aus. “Was versuchen Sie zu verbergen?”
Aufgebracht nahm er ein Buch aus dem Regal neben sich und schlug es wütend auf den Schreibtisch.
“Mineralogie für den einsamen Gärtner”, brüllte er in den Raum hinein. “Sie wollen mir nicht allen Ernstes erzählen, dass Mister Zabini sich mit mit …”
“…mit der Lehre von Steinen abgab”, ergänzte Scorpius Malfoy.
Die Augen von Terry Boot richteten sich auf den jungen Auror und sprühten regelrecht vor unterdrücktem Zorn. Mit zusammengepressten Zähnen wandte er sich wieder der Haushälterin zu.
Letzte Kommentare